Crawford Instruments


  • Märkische Allgemeine vom 16.08.2014

    Das heilige Holz Der Kanadier Ian McWilliams baut Geigen in Brandenburg/Havel. Seine Instrumente sind weltweit begehrt. Er verkauft sie in Paris, London, New York und Shanghai

    Von Lars Grote

    Märkische Allgemeine

    Ian lehnt sich über den Küchentisch und will erklären, warum man auf dem Holz doch besser Butterbrote schmiert – und lieber kein Violinstück von Mozart spielt. Ian McWilliams, ein Kanadier aus Saskatchewan, wo es nicht viele Menschen, doch sehr viel Himmel gibt, spricht ein schönes Deutsch – es rangelt mit dem Englischen, manchmal hat dies, manchmal das die Oberhand. Ian ist 34 Jahre alt, Farmersohn, gelernter Möbeltischler, doch neigt er seit Jahren schon zum filigranen Fach. Das Kleiderschränkezimmern ließ er hinter sich, wohnt in Brandenburg/Havel mit Frau und Sohn, er baut Geigen, die er in Paris, New York, Shanghai verkauft. Man könnte eine renommierte, überhitzte Geschichte daraus bauen, die zur Großspurigkeit neigt. Doch dafür sind Ians Sätze zu freundlich, zu reflektiert, zu wenig aus auf diese Form von Ruhm, die man am Ende als Eitelkeit übersetzen müsste.

    Der Küchentisch. Er ist aus Kiefer, von Ikea, Ian schiebt den Kaffeebecher übers Holz. „Guck auf die Jahresringe, sie sind breit, das Holz ist schnell gewachsen. Viel zu schnell für die Musik. Das klingt harzig und stumpf, das Holz reagiert nicht auf die Schwingungen der Saiten, es lebt nicht.“ Er holt ein Brett aus Ahorn, gewachsen in den bosnischen Bergen. „Fass mal an!“ Es ist leicht. Die Jahresringe sind schmal, dunkel wachsen sie im Frühjahr, hell im Sommer, im Herbst dann wieder dunkel. „In den Bergen wächst das Holz langsamer, gerade der Ahorn, aus dem der Kopf, der Boden und die Zargen, also die Seitenwände der Streichinstrumente, sind.“ Die Decken bestehen aus Fichte, auch sie aus dem Gebirge. Ian kriegt sie aus den italienischen Alpen.

    Und Ahorn aus Kanada, aus Ians Heimat? Dort haben sie das Ahornblatt sogar in ihrer Flagge. Ian lächelt. „Zuckerahorn!“, sagt er. Das muss als Antwort reichen. Mit diesem Sirup macht man Kinder glücklich. Doch Ian redet hier von raffinierteren Gerichten. Beethovens Vierte Violinsonate etwa schmeckt nach Rucola mit Zitrone. Eine Wucht. Wenn man sie nicht auf Zuckerahorn oder einem Tisch von Ikea spielt. Sondern mit Ians Geigen, aus dem Holz bosnischer Berge und italienischer Alpen.

    An einer Geige baut er fünf Wochen. Sie kostet 12 000 Euro. Eine Bratsche 14 000 Euro. Am Cello arbeitet er zwei Monate, es kostet 23 000 Euro. Gerade ist ein Cello fertig geworden. Er reicht es herüber. Mit Bogen. Ein Strich – der Ton fliegt. Und landet sanft. Kein Sand im Getriebe. Das Instrument ist schlank. Der Ton setzt nirgends fett an. Ian arbeitet mit Idealgewichten. Warum es so klingt, wie es klingt? „Das ist eine große Frage“, sagt er. „Man kann es nicht erklären, es ist ein Phänomen. Kein Geigenbauer kann den Klang seiner Instrumente mit Worten erläutern. Oder die technischen Details als Grund heranziehen.“ Vielleicht will das auch ein Geigenbauer einfach nicht. Betriebsgeheimnis. Ein Lüftchen von Magie.

    Ian McWilliams fuhr für ein knappes Jahr nach Großbritannien, als er die Schule in Kanada beendet hatte, reiste herum, jobbte fünf Monate in Schottland, hatte fünf Monate frei, fand in West Dean, unten im Süden von England, einen Geigenbauer mit Schwerpunkt „Barock“. Er nahm an einem Workshop teil. Es war ein erster Flirt mit den Streichinstrumenten. Er ging zurück nach Kanada, gab sich der neuen Liebe nicht umgehend hin, sondern machte die Lehre zum Möbelbauer. Dann, als er ausgelernt hatte, spürte er endgültig: Es muss die Geige sein. Die Bratsche. Das Cello. „Es gibt viele Parallelen zwischen dem Möbelbau und dem Geigenbau, doch der Ton der Musik hat mich am Ende überzeugt“, sagt er.

    Ian flog für drei Tage zurück nach Süd-England, zur Aufnahmeprüfung in eben jenes West Dean, dessen Name für ihn mittlerweile schon Musik war. Drei Studienplätze gab es. Ian bekam einen davon. Drei Jahre dauerte die Ausbildung. Schnitzen, Hobeln, Zeichnen. Anschließend ging er nach London, dort arbeiten, dann nach Montpellier, Südfrankreich. Eine Hochburg der Streichinstrumente, 13 Geigenbauer auf 400 000 Einwohner. Eine verrückt hohe Quote. Und schließlich zog Ian nach Berlin. Dort wohnte Almuth, sie hatten sich in West Dean kennengelernt. Auch sie ist Geigenbauerin. Längst sind sie verheiratet. Als das Kind kam, gingen sie nach Brandenburg/Havel. Raus aus der Großstadt. Sie kauften ein altes, verfallenes Haus, erbaut im Jahre 1680, bis zum Krieg genutzt als Standpunkt eines Kutschunternehmens. Ian legte Hand an, alte Schule, er packt die Kenntnisse des Möbeltischlers aus. Schliff die Böden, baute, wo früher eine große Garage stand, die Geigenbauerwerkstatt, im Fachwerkstil.

    Es riecht nach Holz und Leim, wenn man die Werkstatt betritt. An der Decke ein großer Ventilator, auf dem Boden ein Kohleofen. Hinterm Hobel hängt ein Bild von Paganini. Wenn man Ian McWilliams fragt, ob er David Garrett mag, der den Teufelsgeiger Paganini im Kino dargestellt hat, fragt er: Wer ist das, David Garrett?

    McWilliams ist nicht weltfremd, nur, weil er Garrett nicht kennt. Er sitzt nicht im Elfenbeinturm. Trägt die oberen Knöpfe des Hemdes offen, er könnte auch ein Mann im Rock’n’Roll-Radio sein. Selbst die Frisur passt, sie hängt so beiläufig in seine Stirn, wie damals in den 80ern, als Rockmusik sich gerne in die Garage zurückzog. Weil es dort schepperte. Wenn man so will, zieht sich auch Ian McWilliams in seine Garage zurück, wo früher die Firma die Kutschen parkte – ein Platz, aus dem die Geigenwerkstatt gewachsen ist.

    Vor wenigen Wochen war Ian in Peking, auf einer Messe für Streichinstrumente. „Die Chinesen wollen Geigen aus Italien“, sagt er, „der Ruf von Stradivari, der in Cremona gearbeitet hat, lebt dort wie ein Mythos.“ Er teilte sich dort einen Stand mit zwei Kollegen aus Montpellier. „Man muss die Chinesen überzeugen, dass auch Instrumente aus anderen Ländern hohe Qualität aufweisen. Im Moment sind sie in China allerdings sehr vorsichtig, denn vor zehn Jahren wurden sie mit mittelmäßiger italienischer Ware über den Tisch gezogen.“

    Wenn Ian in China ist, sagt er, er lebe in Deutschland. Weil es die Chinesen irritiert, wenn er erzählt, er sei Kanadier. Kanada? Das ist ein Flecken Erde, wo man in Asien keine kompetente Klassik vermutet. Die vorgeblich so feinsinnige Gattung der „Ernsten Musik“ kommt auch nicht ohne Vorurteile aus. Stradivari weckt vielleicht eines der größten Vorurteile. Gibt es wirklich keine besseren Instrumente als die des alten Italieners? Man sollte Ian McWilliams fragen.

    Häufig seien alte Geigen gut. Weil nur die guten, alten Geigen überlebt haben. Die schlechten sind längst aussortiert und werden nicht mehr gespielt. „Aber wenn ich eine Geige blind höre, kann ich nicht sagen, ob sie alt oder neu ist“, so McWilliams. Das betonen auch Studien, die zum gleichen Ergebnis kommen. „Selbst wenn ich sie mit verbundenen Augen in Händen halte und spiele, weiß ich nicht, wie alt sie ist“, räumt er ein. Natürlich, wenn er die Augen öffnet, erkennt er es sofort. „Etwa 500 Stradivari gibt es noch, diese Geigen sind Kult. Doch das ist zum Teil kein Musizieren mehr, um das es geht, sondern ähnelt dem Kunsthandel.“ Es ist chic, im Programmheft der Konzerte anzugeben, dass man ein Instrument aus dem Jahre 1713 spielt. Keiner gibt an, seines wurde anno 2011 gebaut. Obwohl der Klang genau so rein und klar sein kann.

    Ian gibt seine Instrumente oft zu befreundeten Geigenbauern ins Ausland, meist sitzen sie in Metropolen, derzeit in Brüssel, Paris, London und Peking. Dort werden sie an die Kunden der dortigen Händler verkauft, sie haben einen großen Stamm an Interessenten, über den Ian in diesem Umfang nicht verfügt. Seit ein paar Jahren steht eine Gambe von Ian in New York, eine alte Instrumentengattung, Vorläufer des Cello. „Das dauert, bis sie sich verkauft, die Nachfrage bei diesen seltenen Stücken ist nicht besonders rege.“ New York sei für einen Geigenbauer ohnehin ein „schwieriger Ort“, sagt Ian. „Die Einfuhrbestimmungen für Instrumente sind furchtbar rigide. Ein Orchester aus Ungarn hat gerade Ärger bekommen, weil in einem seiner Bögen Elfenbein gesteckt hat, ein kleines Stück nur, das zur Verarbeitung gehörte.“ Ian verdreht die Augen. Kanadier halten allgemein nicht viel von Sitten aus den USA.

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    Quelle: Märkische Allgemeine vom 16.08.2014, Seite IMGESPR1
    Dokumentnummer: 201408163824984